Integrative Prozessarbeit








Integrative Prozessarbeit in Aufstellungen

Die integrative Prozessarbeit ist eine interdisziplinäre Methode. Inspiriert ist diese Arbeit von Erfahrungen aus der POP, Prozessorientierte Psychologie, Dr. Arnold Mindell, aus dem Psychodrama, der Gestalttherapie und aktiver Meditationen, um einige der wichtigsten Methoden zu nennen. Auch dank der Arbeit vieler körpertherapeutischer Erforscher wie Alexander Lowen (Bioenergetik), Gerda Boyesen (Biodynamik), Moshe Feldenkrais u.v.m. ist diese Arbeit so, wie es ihr Name auch verspricht: im Prozess.

Der aufregende und zugleich faszinierende Aspekt der prozessorientierten Körperarbeit (ein Schwerpunkt der integrativen Prozessarbeit) ist die Entdeckung des Lebensgeistes, der inneren Kraft. Die Betonung dieser Arbeit liegt im Erfahren. Einsicht wird über das Erleben, das Erfahren erlangt und fast nebenbei erwacht ein altes Bewusstsein, das Körper – Bewusstsein.

Wie sieht ein beispielhafter Verlauf einer prozessorientierten Körperarbeit aus:In der Einführungsphase werden Körpersignale, Sensationen, Hellfühlen wahrgenommen. Den festgestellten Phänomenen werden Gehör und Aufmerksamkeit geschenkt. Der Klient folgt körperlich den Signalen (Spannungsaufbau, Bewegungen, Atem, Geräusche...) und gibt Rückmeldung über Empfindungen und Assoziationen. Mit der Wahrnehmung begeben sich Klient und Therapeut gemeinsam in die Erforschungsarbeit, wie diese Signale und Symptome beeinflusst und dann gesteigert werden können (konträr zur Erwartung, die Symptome zu vermindern). Auf einer weiteren Ebene erspürt der Klient, welche Qualität in den Signalen, Symptomen enthalten ist.Aus dem bewussten Zuhören, Empfinden, intuitivem Folgen und einem entspannten Nicht-Verstehen (intellektuelles Verstehen) entwickelt sich ein momentanes Körperbewusstsein, in dem Lösungen sich zeigen oder reifen können. Der Prozessarbeit liegt die Annahme zugrunde, dass in den Körpersignalen (gesellschaftlich wird von Störungen gesprochen) die Lösung schon enthalten ist. Neben den Signalen können auch automatisierte oder stereotype Verhaltensweisen und Handlungen mit der erwachten Achtsamkeit wahrgenommen und prozessorientiert entwickelt werden. Das 'Achtsamkeits- Training' fördert eine Erweiterung des Bewusstseins.
In Verbindung mit systemischen Aufstellungen können verschiedene systemische Prozessaspekte wie Syndrome, Organe, Gefühle etc. bildhaft (räumlich, energetisch) ausgedrückt werden. Vor allem erlaubt diese Kombination ein körperliches Erfahren der systemischen Energie, die gespeist wird aus Organisationen (z.b. Organe, Zellverbünde), aus feinstofflichen Systemen, aus der Familie, aus dem Resonanzsystem der Seminarteilnehmer u.v.m.
Zudem offeriert mir die prozessorientierte Arbeit praktische Werkzeuge, um mit Aufstellern, die z. B. vorgefasste Aufstellungsbilder mitbringen, ein Arbeitsfeld entwickeln zu können. Beispiel: Personen, die vorab das fertige Aufstellungsbild schon 'im Kopf' haben oder das Ergebnis schon kennen oder die von vorherigen Aufstellungen beeinflusst, schon wissen, wer wie zu stehen hat etc. Auch bei Widerständen, Blockaden und natürlich bei Körpersymptomen vertraue ich auf die Hinweise der Körpersignale und lade alle Beteiligten ein, sie urteilsfrei zu erforschen.

Der Übergang von Prozessarbeit und Aufstellung ist fließend und integriert prozesshaft das energetische System. In der so bezeichneten prozessorientierten Aufstellung werden die Stellvertreter dem inneren Bild (auch energetische Wahrnehmung) des Klienten nach aufgestellt. Modifiziert zur klassischen Aufstellung gibt der Klient in der prozessorientierten Aufstellung den Stellvertretern eine Anfangsanleitung mit (z. B. über Körperhaltung, Bewegung, Wörter, Töne oder Geräusche). Am Ende der Arbeit entsteht mit der Entspannung oder auch einer bewussten Körper- Spannung der Beteiligten das lösungsorientierte Arbeitsbild. Da dieses Arbeitsbild körperlich erfahren wird, sind rituelle Lösungssätze am Ende der Aufstellung häufig nicht notwendig.

Dazu nun ein verkürztes Beispiel einer prozessorientierten Aufstellung:

Beispiel 1: K. (w. 42) benennt als konkretes Arbeitsthema einen starken, schon länger andauernden Juckreiz zwischen dem 4. und kleinem Zeh. Ich bitte K. genau zu zeigen wo und wie es juckt, welche Bewegungen sie zur Linderung des Juckreizes macht (die genaue Bewegungsbeschreibung fördert eine bewusste Wahrnehmung der automatisierten Bewegungsabfolge). Mit diesem Eindruck frage ich K., wie dieser Juckreiz zu steigern wäre. Mit ihren Fingern erforscht K. am betroffenen Zwischenzehraum die Möglichkeiten den Reiz zu steigern. Mit dem Reiben, Kratzen, mit dem Fingernagel drücken entwickelt sich aus dem Körpersymptom Jucken das Gefühl „genervt sein wie auch nervend sein“. An dieser Stelle bitte ich K. aus den anwesenden Gruppenteilnehmern Stellvertreter für sich und für das Nervende zu wählen und intuitiv aufzustellen K. platziert den Stellvertreter 'das Nervende' sitzend auf dem rechten Fuß des Stellvertreters 'K.'. Mit der Anfangsanleitung entwickelt sich bei dem Stellvertreter 'K.' ein rhythmisches durch die Nase schnauben, 'das Nervende' springt vom Fuß ab, bleibt aber in unmittelbarer Nähe. Während 'K.' im fortlaufenden Prozess mit den Beinen stampft, mit den Füßen über den Boden scharrt und dabei eine mechanische Geräusch- und Bewegungscollage entwickelt, übernimmt 'das Nervende' unbewusst das von K. anfangs gezeigte Reiben mit den Fingern, jetzt jedoch zwischen Ringfinger und kleinem Finger. Beide Stellvertreter wissen einander, sind nahe aneinander, halten aber einen körperlichen Abstand von einigen Zentimetern. Ich bitte den Stellvertreter 'das Nervende' sein „zwischen den Fingern kratzen“ bewusst wahrzunehmen und sich entwickeln zu lassen. Nach einiger Zeit und stärkerem Kratzen gibt der Stellvertreter die Rückmeldung, dass, je stärker er sich kratzt, sich das Gefühl Sehnsucht nach Kontakt (Körperkontakt) und Zärtlichkeit einstellt – [............]
Die prozessorientierte Aufstellung entwickelt sich zu einem hautnahen Körperkontakt zwischen 'K.' und dem 'Nervenden', das nun transformiert ist in ein Kontakt - Bedürfnis. Die Körper sind ineinander verschlungen. Im Schlussbild wird K. direkt in die Kontaktaufstellung integriert, einige Seminarteilnehmer kommen aus dem Impuls heraus hinzu. Das Integrationsbild klingt zeitlich unlimitiert aus.

Während in systemischen Aufstellungen überwiegend mit Stellvertretern der Systembeteiligten inklusive des Aufstellers (Klient) gearbeitet wird, bietet es sich an, in der prozessorientierten Aufstellung mit dem Klienten direkt zu arbeiten. Was als einzelner Aspekt oder Teil mittels Stellvertreter scheinbar separiert aufgestellt ist, wirkt innerhalb eines verdichteten Feldes direkt, also mit und über den Körper des Klienten. Das Spüren und Fühlen, das Erfahren und Erleben sind von solch beeindruckender Dichte, dass sich der Hang zur Rationalisierung (Interpretationen, W-Fragen und Widerstände etc.) erheblich vermindert.

Dazu ein Beispiel einer Klient - integrierten Prozessaufstellung:

Beispiel 2: F. (w. 54) bezeichnet als ihr größtes Leid die Angst vor einer Krebserkrankung. Im Einführungsgespräch beschreibt sie sich als starke Raucherin, die 'tagtäglich ihre Angst mit Zigaretten füttert'. Auf meine konfrontative Aussage hin, dass eine Arbeit mit ihr jetzt nicht möglich sei, da sie ihr Arbeitsergebnis schon von vorneherein mitgebracht habe und dafür nur noch eine Bestätigung abholen wolle, fangen ihre Augen an zu tanzen. Nach einiger Zeit des 'dosierten Chaos' bewegen sich ihre Augen von der Mitte aus zur Seite, langsam und ohne Focus. Auf meine Nachfrage berichtet F. von ihrem Gefühl, als wollte sie mit den Augen etwas Schweres ziehen. In der Transitionsphase stellt sich ein noch nicht benannter Stellvertreter F. vis-à-vis gegenüber. Sofort erkennt F. in ihm den Krebs (-Tumor), der Stellvertreter stimmt dem spontan zu. F. beugt sich leicht nach vorne, die sichtbaren Muskeln sind gespannt, die Lippen sind zusammengepresst. Die Hand ist zur Faust geballt, die Fingernägel drücken in den Handballen, stoßweiser Atem ist zu hören. Ich bitte F. ihre Körperspannung noch weiter zu steigern und ermuntere sie, ihrem Impuls zu folgen. Es entwickelt sich ein am Seil ziehen. Das unsichtbare Seil zwischen F. und dem Stellvertreter für den Krebstumor wird von F. mit den Händen umfasst und zu ihr an den Bauch gezogen. Die Hände greifen um und es folgt erneut die gleiche Bewegungsabfolge. Der 'Krebstumor' bleibt an der Stelle stehen, rührt sich nicht und schaut F. freundlich an. Das animiert F. umso fester und verbissener (zusammengepresste Lippen, gepresster Atem) am unsichtbaren Seil zu ziehen...... Nach einiger Zeit bitte ich F. zu berichten, was sie spürt, was in ihr passiert. Trotz vermehrter Anstrengung ist es ihr nicht gelungen, den Krebs an sich zu ziehen. Sie ist darüber frustriert und fühlt sich verhärtet und wie vertrocknet. Sie empfindet sich weder tot noch lebendig. Ihre größte Hoffnung ist das Seil, an dem sie zieht...... [Mit diesem Hinweis habe ich mit F. mit Methoden der Strukturaufstellung und des Heilungstheaters ihr vorläufiges Arbeitsbild entwickelt]

Aus der Energie einer subtilen Falle (vorbereitetes Arbeitsergebnis) ist ein von Gedankenmustern befreites Arbeiten durch prozessorientierte Aufstellungsarbeit möglich geworden. Neben den bisher beschriebenen strukturellen Aufstellungsformen gibt es Hinweise auf familiensystemische Verbindungen, die sich in den Signalen zeigen oder sich in diesen auszudrücken versuchen. Eine Annäherung an dieses komplexe Thema versucht folgende Fallbeschreibung:

Integrative Prozessarbeit und familiensystemische Aufstellung:

Beispiel 3: W. (m. 57) erscheint in leicht gebückter Haltung und berichtet von seinen chronisch verspannten Rückenmuskeln und entsprechenden Spannungsschmerzen. Während des Gesprächs streckt er sich und mit verkreuzten Armen hinter seinem Kopf dehnt er Kopf und Hals. Ich bitte ihn, sich eine Position zu suchen und so zu halten, wie 'es' sich in ihm fühlt. Er kauert sich auf den Boden, seine Beine sind eng an den Körper gezogen. Nach einiger Zeit kriecht er unter einen niedrigen Tisch, drückt seinen Rücken von unten an die Tischplatte und verharrt in dieser Haltung, leises Wimmern und Stöhnen ist zu vernehmen. [..........] Trotz der gehaltenen oder der gesteigerten Muskelspannung sowie eine räumlichen Enge wirkt W. am Ende des Prozesses entspannt. Die anfänglichen Rückenschmerzen nimmt er nur noch schwach wahr. Einen systemischen Hinweis auf die Schmerzsymptomatik gibt W. einige Wochen später in einer offenen Aufstellungsgruppe. Er berichtet von den Erzählungen seiner Mutter, die davon handelten; wie sich sein Vater als Soldat hinter den feindlichen Linien befand und er sich 1 Woche lang in einer Erdgrube versteckte und dabei permanente Entdeckungsangst und Todesangst hatte. In einer prozessorientierten Aufstellung werden der Vater und feindliche Soldaten aufgestellt. Ich bitte W. sich am Rande des Aufstellungsfeldes unter einen niedrigen Stuhl zu kauern. Zum Ende kauern Vater und Sohn gemeinsam nebeneinander und fühlen sich schmerzhaft erleichtert. Einer von beiden hat keine feindlichen Soldaten um sich herum -

Dieses Fallbeispiel möge nicht dazu dienen, ein körperliches Symptom zu erklären oder zu begründen. Ich bin sehr vorsichtig geworden, familiäre Verbindungen zu linearisieren. Die Lücke nach dem Enttarnen eines Glaubenssatzes sollte nicht mit einem neuen Glaubenssatz wieder gefüllt werden. Vergleiche und Deutungen kommen der Natur eines Glaubenssatzes sehr nahe. Eine familiensystemische Verbindung kann ein Hinweis sein, ein Wegweiser.
Vielmehr beachtenswert halte ich in diesem Beispiel, dass trotz größtmöglicher Muskelspannung eine Entspannung durch das Wahrnehmen, durch das momentane Hineingleiten in ein Körperbewusstsein erfolgt ist. Am Ende waren Vater und Sohn schmerzhaft erleichtert. In der Aufstellungspraxis würde für den Sohn und seine Rückenschmerzsymptomatik der Satz und die innere Haltung heilend wirken: Es darf weh tun und ich gehe mit dem Schmerz. Eine systemische Verbindung kann helfen, den eigenen Körper als 'Tempel' wahrzunehmen und, wie in diesem Fallbeispiel, die Identifikation oder Übernahme von Symptomen (der Sohn ist im Rückenschmerz dem Vater nahe) von Empathie (Mitgefühl mit dem Vater) zu trennen.

Methodische Kurzfassung, Zusammenfassung der integrativen Prozessarbeit:

Die Grundhaltung des Therapeuten ist ähnlich der des Leiters einer Aufstellung: Einladend, respektvoll, empathisch, urteilsfrei, gesammelt in der inneren Mitte, dynamisch. Intensive Selbstklärungsarbeit des Therapeuten minimiert die Gefahr von Resonanzen, Übertragungen, blinden Flecken, Blockaden.Mit der sensitiven und phänomenologischen Wahrnehmung werden unbewusste Bewegungen, Körperhaltungen, Mimiken, Gesten, Tics, Automatismen, Geräusche, energetische Spannungen etc. vom Therapeuten aufmerksam be-(ob)achtet und den Beteiligten bewusst gemacht (Bewusstseinbrücke Aufmerksamkeit zur Achtsamkeit). Prozessorientierte Aufstellungen sind ein Element integrativer Prozessarbeit. Sie sind häufig Bewegungsaufstellungen, mit Gefühls- und Energieentladungen und mehr und minder starken Geräuschen.Die Klienten werden eingeladen, sich wahrzunehmen, bis an ihre momentanen Grenzen zu gehen und darüber hinaus zu sehen. Sie sind jederzeit in der Lage, den Grad ihrer Prozesshingabe entsprechend ihres Kontrollbedürfnisses oder ihrer Stabilität anzupassen. Sie können die prozessorientierte Arbeit jederzeit unterbrechen. Obligatorisch ist mein Angebot der therapeutischen Weiterbetreuung.
Mit den Fallbeschreibungen und methodischen Überblick habe ich versucht, einen Einblick in das schöpferische Potential der integrativen Prozessarbeit zu geben. So wie jede Aufstellung einzigartig ist, so ist jede integrative Prozessarbeit eine einmalig phänomenale Sternstunde.

Martin Vipul
Heilpraktiker
Psychotherapeut (HP)
Systemische Aufstellungen, Integrative Prozessarbeit, systemischer Coach
Veröffentlicht: 2/04 Systemische AufstellungsPraxis,